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8 - Sommer 1978

Der Steinmetztisch von Höbersbach

"Viel Steine gab´s und wenig Brot", oder "Harte Arbeit, karger Lohn" ….
Beide Sprichwörter sind geeignet, treffend ein Stück Gablitzer Geschichte
zu bezeichnen, an welches fast keine Erzählungen und noch weniger
Denkmäler erinnern. Gemeint ist die Zeit der Gablitzer Steinbrüche
und damit verbunden das harte Los der hier beschäftigten Steinmetze.

Begonnen hatte es hier im Jahre 1870, und zwar durch jene bauliche
Entwicklung, die in Wien die so genannte "Gründerzeit" genannt wird.
Die rasche Ausdehnung der "Reichs-Haupt- und Residenzstadt", die
fortschreitende Industrialisierung und der Bau der Wiener Ringstrasse
erforderten auch Steine, und diese sogar in großen Mengen. Nicht
zuletzt auch bei den Werken des berühmten Baumeisters Otto Wagner.
Wer heute mit der "Stadtbahn" durch Wien fährt und neben den Gleisen
die beiden Steinmauern sieht, aber auch die immer wiederkehrenden Stadtbahnbögen, sollte daran denken,
dass viele dieser Steine aus Gablitz kamen. Noch vor Jahren konnten Wanderer neben der
Höbersbachstrasse und gegenüber dem Gasthaus "Laterndlgarten" eine große Sandsteinplatte sehen. Halb
versunken lag sie bereits im Erdreich und gelegentlich stellte noch ein Spaziergänger seine Tasche oder
seinen Rucksack darauf ab. 1974 wurde dieser Stein von der Gemeinde erworben, um auf der neuen
Parkanlage an der Linzer Strasse neu aufgestellt zu werden. Beim Transport zerbrach die ohnehin schon
gebrochene Platte abermals in Stücke und seitdem liegen ihre Trümmer am Lagerplatz unserer Gemeinde.
Ein zerbrochenes Symbol einer vergangenen Zeit! Nichtsdestoweniger wurden durch diese
Steinplattentrümmer die Erinnerungen wach, und so mancher Gablitzer begann zu erzählen.

Alois Kamehl, unser "Heimatdichter", setzte sich hin und schrieb über den "Steinmetztisch von Höbersbach"
ein besinnliches und liebes Gedicht. Nun, etwa 30 Jahre lang dauerte die Arbeit in den Steinbrüchen, und als
um die Jahrhundertwende durch den aufkommenden Beton und Kunststein die Konkurrenz zu stark wurde,
musste ein Steinbruchbesitzer nach dem anderen schließen. Doch wer waren die Besitzer der Brüche und
wo befanden sich diese selbst? Einer der beiden größten war in Hochbuch und wurde von der noch heute
existierenden Wiener Steinmetzfirma Aufhauser betrieben. Es war hier wohl der qualitätsmäßig hochwertigste
Stein zu finden. Die Firma Charamser besaß in Höbersbach drei Steinbrüche, wobei der größte davon
ebenfalls beste Steinqualität lieferte. Bemerken möchte ich dazu, dass sich hier eine Art Bernstein (Kobalin)
als Ader durch Gestein zieht, welche immer wieder von Geologen aufgesucht wird. Entlang der
Höbersbachstrasse befand sich eine Gleisanlage für Rollwagen, welche aus den im hinteren Teil des Tales
gelegenen Brüchen die Steine heranschafften. Hier wurde verladen, und unablässig sah man die
Schwerfuhrwerke auf der alten Poststrasse nach Wien fahren. Bausteine, Stufen, Hofpflaster, Grabsteine
u.v.m. wurde in den Steinbrüchen hergestellt. Gegenüber der Tischlerei Pachhammer steht am Waldrand ein
einzelnes Haus. Dieses war im vorigen Jahrhundert ein kleines Gasthaus, besser gesagt eine Kantine, für die
Steinbruchfuhrwerke, da ja einstmals die Strasse viel höher gelegen war als heute. Der große Steinbruch am
Fallerstein wurde von der Familie Urch betrieben. Hier findet wieder der geologisch Interessierte in den
obersten Gesteinsschichten Fossilien aus dem so genannten Eozän (vor etwa 300 Millionen Jahren, als
unser Gebiet noch von einem Urmeer bedeckt war). Zu diesem Steinbruch zog es immer wieder Ferdinand
Ebner, Lehrer und Philosoph in Gablitz, um dort seinen Gedanken nachhängen zu können. Zu Beginn des
Troppbergweges befindet sich das zur rechten Seite gelegene "Gablitzer Stadion", ebenfalls ein
aufgelassener Steinbruch, welcher der Familie Reitbauer gehörte. Ferner wurde oben am Troppberg und zu
dessen Fuße je ein Steinbruch betrieben, und zwar von der Familie Knopfreiter. Ungefähr sollten (laut Herrn
Karner) an die 200 Arbeiter beschäftigt gewesen sein, wo neben Einheimischen auch Tschechen,
Jugoslawen, Italiener, ja sogar Ukrainer zu finden waren. Nach einer Erzählung sollen in den Brüchen am
Troppberg auch Kettensträflinge unter Bewachung eingesetzt gewesen sein. Zusätzlich gab es an der Linzer
Reichspoststrasse zwei weitere Steinbrüche, die aber nur schlechtes Material lieferten, welches deshalb als
Makadamschotter für den Straßenbau Verwendung fand. Oberhalb des "Fritzbergls" sieht man noch eine lang
gestreckte Grube, deren Besitzer Karl Schober war. Der zweite Bruch gehörte dem bekannten Wallner
Michel und lag in Richtung Allhang neben dem Ziegelwerk Glasauer.

Die Arbeiter in den Steinbrüchen waren "arme Teufeln". Schwerste körperliche Arbeit und geringe Löhne.
Familien und die Ledigen waren zusammengepfercht in den feuchten, aus Steinen gemauerten Baracken
neben den Schutthalden. Unterernährung, Hader, Streitigkeiten, Tuberkulose, Staublungen usw. waren die
häufigsten Ursachen, warum die meisten dieser Leute kaum älter wurden als 35 Jahre. Auch die
Kindersterblichkeit war selbst für die damalige Zeit äußerst hoch. So konnte es nicht verwundern, dass aus
den Reihen dieser Menschen für Gablitz die Zellen für die damalige Sozialdemokratische Partei entstanden.
Dies in der Hoffnung, dadurch das eigene harte Los etwas zu verbessern. Bürgertum und Kirche hatten für
ihre Notlage weder Verständnis noch Interesse. Die wenigen Stunden an Sonntagen wurden gerne genützt,
um zum Steintisch nach Höbersbach zu gehen, war doch ein Gasthaus gleich nebenan. Hier konnte man
sich treffen, Kartenspielen und ausruhen. Loisl Kamehl schreibt: "So saßen sie ringsum der Platte, Sorgen
genug ein jeder hatte…." Die einzige Freude, die den Steinbrucharbeitern verblieb, war vermutlich das Bier.
Was zur Folge hatte, dass sie dadurch im Rufe standen, Trunkenbolde zu sein. Aber der "Loisl" verteidigt
auch hier: "…. So sagen wir ganz klar und offen - sie haben nicht zuviel gesoffen!..."

Und abschliessend:

Doch sei es, wie es immer sei,
die "Steinzeit" hier ist längst vorbei.
Die Sandsteinbrüche der Umgebung
schon lange sind sie stillgelegt.
Die Breschen, die der Mensch geschlagen
der Wald hat sie schon zugedeckt,
geblieben sind die Narben.
Kein Hammerschlag mehr stört die Stille,
nur Vogelsang und Waldidylle.
Die wackeren Brüder von der Zunft
die sind schon längst zu Haus.
Der Werkzeug wurde abgelegt
Nun ruhn sie ewig aus.
Ihr Alter war sehr kurz bemessen
man hat sie dennoch nicht vergessen.
Die Erinnerung lebt im Volke frisch
dafür sorgt schon der "Steinmetztisch…."

Mit dem Anbruch der Jahrhundertwende kam auch das große Steinbruchsterben: Die kleineren Brüche legten
die Hämmer zuerst nieder, und der letzte von ihnen war der Aufhauserbruch in Hochbuch. Die bereits auf
Lager hergestellten Artikel konnten nicht mehr abgesetzt werden und blieben liegen. Aber auch aus den
Steinbrüchen, zogen die Leute fort und die Baracken verfielen. So endete ein kurzes Stück im Zeitenlauf
unseres Tales.

ehem. Laterndlgarten
Höbersbachstr. 46
Aus den Bruchstücken nachgebauter "Steinmetztisch
visavis Marienheim Hauersteigstr. 51