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10 - Dezember 1978

Wie Gablitz seine Gemeindeweide verlor

Gegenüber der Tischlerei Pachhammer erstreckt sich entlang der
Linzer Strasse ein wenig begangener Wald. In den letzten Tagen
bereits von einer ersten winterlichen Pracht verzaubert, grüsst er
die Vorbeifahrenden. Dieser Wald von dem hier die Rede ist war
nicht immer hier und mit seinem Entstehen verbindet sich eine
alte humorvolle Geschichte die mitunter von betagten Gablitzern
noch gerne erzählt wird:

Irgendwann im vorigen Jahrhundert soll es gewesen sein, dass
unsere Gemeinde stolze Besitzerin einer eigenen Gemeindeweide
war. Hierher konnten alle jene Leute ihre Ziegen, Schafe und Kühe
treiben, die nicht unbedingt selbst ein größeres Grundstück besaßen.
Gablitz war schon damals (man kann daran erkennen wie modern denkend), auch schon einmal stark
verschuldet. Weit und breit kein Geld um diese Schulden zu begleichen. So half man sich eine Zeit lang
damit, dass man die Schuldenlast ganz einfach nicht zur Kenntnis nahm. Doch es kam was kommen
musste: Eine Vorladung zum Gericht war eingetroffen! Nun, unsere Gemeindeväter blickten dieser
Herausforderung kühn ins Auge und marschierten los - auf zum Gericht nach Wien!

Heiß war es, die Sonne brannte hernieder und das Gasthaus Neunteufel war erreicht. Schnell hinein, einige
Gläser Bier zur Kühlung. Aber auch noch schnell ein Kartenspiel, denn herinnen war es ja schließlich
angenehmer als draußen in der Hitze. So vergingen die Stunden und der Tag und der Gerichtstermin waren
verpasst. Hartnäckig wie Gerichte nun schon einmal sind, sandte dieses eine zweite Vorladung. Ohne
Rücksicht auf Strapazen sah man die Väter der Gemeinde auf der alten Linzer Reichspoststrasse abermals
gegen Wien marschieren. Dem Gericht und dem lästigen Gläubiger werden wir es schon zeigen, waren
vermutlich ihre Gedanken, als sie in Purkersdorf beim Neunteufel vorbeizogen. Unempfindlich gegen jede
Vorstellung wie gut gerade jetzt ein großes Glas Bier sein könnte. Weiter ging es bis Hadersdorf, und hier
ließ die Sommerhitze unsere fest entschlossenen Männer schwankend werden! Ein einziges Glas Bier - es
konnte doch nur den Marsch erleichtern… und ein einziges Kartenspiel? Es war dunkel als man aus dem
Gasthaus kam. Verflixt und zugenäht. Vermutlich unerwartet traf in der Gemeindestube die dritte
Gerichtsvorladung ein. Richtige Aufsässigkeit, dachten sich sicherlich Bürgermeister und Gemeinderäte und
blickten sich fest in die Augen. Voll entschlossen diese Angelegenheit nun endgültig aus der Welt zu
schaffen, denn da wir kein Geld haben, können wir auch nichts bezahlen. Gablitz lag bereits weit hinter ihnen,
vom Neunteufel war längst nichts mehr zu sehen und Hadersdorfs Gasthäusern schenkten sie kaum einen
Blick. Eben marschierten sie in die Ortschaft Penzing ein. Jetzt, vor den Toren Wiens und in vermutlicher
Steinwurfweite vom Gericht, konnte nichts mehr schief gehen - wenn man sich ein kleines Bier bestellt - oder
auch ein zweites? Man ist ja schließlich ein Mann.

Man sollte es nicht glauben; endlich am Ziel - doch als unsere wackeren Männer am Gerichtstor klopften, war
es bereits längst geschlossen. Eine vierte Vorladung kam nicht mehr. Stattdessen wurde unserer Gemeinde
ihr einziger Besitz aberkannt und damit die Schulden bezahlt. Die k. u. k.-Forste als neue Besitzer pflanzten
überall Bäume und der heutige Wald verrät nichts mehr davon, wieso er überhaupt entstanden ist. Die
Gemeindeväter jedoch hatten noch lange neben ihrem schmerzlichen Verlust auch noch an ausreichendem
Spott zu tragen: Traf man nämlich den Bürgermeister oder einen Gemeinderat im Gasthaus beim Kartenspiel,
so wurden sie immer wieder gefragt: Was, habt ihr denn schon wieder eine Weide zu verspielen?

(Anmerkung der Red.: Tischlerei Pachhammer Linzerstraße 23, Gablitz
Gasthaus Neunteufel - das heutige NIKODEMUS am Hauptplatz in Purkersdorf)