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Gedenktafel Hauptstr. 29 |
19 - Oktober 1991 Ferdinand Ebner, der Wortmystiker im Apfelland Der Dichterphilosoph aus Gablitz In Niederösterreich haben die Philosophen die Neigung, in der Gestalt von Volksschullehrern aufzutreten und in seinen schönen Landschaften zu meditieren - Ludwig Wittgenstein zwischen Hassbach und Ottertal, Ferdinand Ebner in Waldegg und Gablitz. Ihre Schüler und Umgebung erfahren von ihrer philosophischen Existenz meist erst später. Nach Wittgenstein holte die Welt allerdings rascher aus, und er lief inzwischen im Hafen eines landeseigenen Universitätsinstituts ein. Für Ferdinand Ebner zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung aber auch schon ab: Es wäre sehr zu wünschen, dass sein Nachlass, der im Brenner-Archiv ruht, bald in der Landesuniversität Krems seinen lebendigen Platz findet. Ferdinand Ebner starb am 17. Oktober 1931 in Gablitz, das zu seinem 50. Todestag ein Symposion über ihn veranstaltete. Er wurde als 7. Kind eines nicht sehr geschäftstüchtigen Fleischers und Landwirts am 31. Jänner 1882 geboren, der täglich die Messe besuchte und ihn mit seiner Hassliebe zur Kirche prägte. Um Gott herauszufordern, betete der sensible Kleine im Vorschulalter einmal einen Birnbaum an - als Gott ihn darauf nicht mit Blitz und Donner strafte, zweifelte er fast ein Leben lang an ihm, blieb aber doch unermüdlich auf seinen Spuren. Sein etwas älterer Schulkollege Josef Matthias Hauer - er widmete dem guten Bach- und Mozartpianisten seine erste Symphonie - und er blieben einander lange in intensiver freundschaftlicher Hochschätzung verbunden, bis jeder von ihnen seinen eigenen schöpferischen Weg ging. Weil eine seiner Schwestern eine Erbschaft machte, ließ sie den begabten Bruder als Lehrer ausbilden. Lungentuberkulose zwang zur Unterbrechung des Studiums für ein Jahr, bis zur Wiederherstellung in Alland. Nach Abschluss des Seminars unterrichtete er im Piestingtal, ließ sich aber später in die Umgebung von Wien versetzen. In Gablitz konnte er mit Freunden und Institutionen der Metropole leichter Kontakt halten. Eine 30jährige spirituelle Beziehung verband ihn mit einer Lehrerkollegin, die er nicht zu heiraten wagte, um sie nicht als Muse zu verlieren. Der unauffällige, bescheidene, sanfte Mann mit dem meist gesenkten Blick des Denkers war bei seinen Schülern beliebt, auch wenn sie ihm seiner ins Gesicht fallenden Mähne wegen den Spitznamen "Haargeist" gaben, und noch einen anderen, der ihm deswegen scherzhaft das Suchen nach einer Münze unterstellte. Er suchte aber ganz andere Dinge, wenn er scheinbar geistesabwesend war, und fand die auch, nutzte die Nacht dazu, sie niederzuschreiben. An vier verschiedenen Gablitzer Adressen entstanden bei Petroleumbeleuchtung in aller Stille "Ethik und Leben", "Wege des Glaubens", "Das Wort und die geistigen Realitäten", seine Tagebücher und ausgedehnte Korrespondenz, auch mit Ludwig Ficker, über dessen Schreibtisch damals die wesentlichsten Werke der Zeit gingen. Bei Wittgensteins "Tractatus" konnte er sich zur Veröffentlichung nicht entschließen. Ferdinand Ebner aber verhalf er durch Einladung zur Mitarbeit zum Durchbruch. Der "katholische Kierkegaard" aus Gablitz mit seinem Liebes- und Gottesbeweis der Sprache, dem Du-Erlebnis und primären theologischen Dialog mit dem höchsten Wesen, schien ihm wie die Verwirklichung eigener redaktioneller Absichten. Die Abkehr von der Weiningerschen Kommunikationsunfähigkeit und "Ich-Einsamkeit", die Verbannung des Geschlechtsunterschieds aus der Gesprächsbeziehung, seine "Ethik der Aufmerksamkeit" gegenüber Gott, aber auch seine Anklage gegen die Bürokratie der Kirche, die sich mit ihrem Segnen der Waffen nur einer egozentrischen Gesellschaft eingliederte, waren dabei wesentliche Punkte. Ebner gab immer dem gesprochenen Wort von Angesicht zu Angesicht den Vorrang, seine utopische Vision des Menschen näherte sich der Bubers. Obwohl er durch die erstarrten Dogmen den Weg zu Gott versperrt sah, sicherte ihm, laut Johnston, auch noch seine antiklerikale Theologie und Christologie, als konservativer Revolutionär, bis heute seinen Platz in der Kirchenapologetik. Nach 10 Jahren Lehrtätigkeit auch in Gablitz meldete sich seine chronische Tuberkulose wieder und machte einen neuerlichen Kuraufenthalt notwendig. Nach der Rückkehr heiratete er eine andere Lehrerkollegin, die ihn schon vorher umsorgt hatte; das Paar hatte einen Sohn. Bald darauf musste Ebner sich aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig pensionieren lassen. Zwar hatte er nun mehr Zeit zum Schreiben, doch fallen in diese Periode auch zwei Selbstmordversuche, vermutlich aus Glaubensgründen und Zweifeln an seinem Werk, bei dessen teilweiser Veröffentlichung er zugleich seinen schärfsten Kritiker mitdrucken ließ! Vielleicht schöpft die bisherige, rein akademisch-wissenschaftliche Beurteilung seines Werkes es noch gar nicht aus. Eine umfangreiche Publikation erfolgte erst 30 Jahre nach seinem Tod, durch den Tullner Hauptschuldirektor Franz Seyr, der auf Grund genau vorgegebenen Seitenumfangs durch den Verlag gezwungen war, Kürzungen vorzunehmen, was manchen unverzeihlich erscheint, nach Sohn Walter aber genau dem Essentiellen gerecht wurde und wesentlich zu seinem Bekannt werden beitrug. Der bestehende Vertrag Walter Ebners mit dem Brenner-Archiv sieht vor, dass der Nachlass jederzeit geschlossen nach Niederösterreich zurückkommen kann, sobald das Land den Antrag dazu stellt und universitäre Einrichtungen zu seiner entsprechend sachgemäßen Unterbringung und weiteren Bearbeitung bestehen. Die inzwischen recht mündig gewordenen Gablitzer betreiben das Projekt (ebenso wie eine Verfassungsänderung, die dem Bürger Entscheidungsbeteiligung wie in der Schweiz einräumen soll!), im Augenblick vor allem ein weltgereister Bibliothekar der Wiener TU, Franz Vormaurer. Der Zeitpunkt scheint gut gewählt: Wenn die Landesakademie einmal Wirklichkeit wird, fiele ihr damit ein Einstandsgeschenk besonderer Art in den Schoss und sollte sich auch Raum für den genuinsten Landesphilosophen und sein oft bis ins Mystische vorstoßendes Werk finden. Hinter ihm stehen eine ganze Anzahl Interessierter, vom Studenten der Vergleichenden Religionswissenschaft über den Leiter des Heimatmuseums bis zum ehemaligen Bürgermeister, Konfliktforscher und Dozenten Franz Brandfellner. Die wissen auch alle, dass die momentan in der Bank in zwei Kisten zwischengelagerten Materialien einer Ferdinand-Ebner-Ausstellung sehr gut auch im leeren Dachgeschloss der Ferdinand-Ebner-Schule in der Ferdinand-Ebner-Strasse untergebracht werden und auch gezeigt werden könnten - für Gäste noch ergänzt vom Lokalaugenschein der verschiedenen Orte seines Wirkens. Etwas Ähnliches gibt es längst als Dauereinrichtung im Keller des Purkersdorfer Rathauses, und zwar über seine esoterische Künstlerfreundin Hildegard Jone-Humplik, die vier Jahre nach seinem Tod seine Tagebuchaufzeichnungen herausbrachte. Auch ein Bildband, mit entsprechenden Texten aus Ebner-Aphorismen, harrt der Herausgabe; eventuell könnte sogar an die Edition der Briefe seiner philosophischen Muse Luise gedacht werden; und der bürgermeisterliche Vorschlag, in seinem großen Zimmer Kamingespräche über den heimatlichen Philosophen von "Wort und Liebe" abzuhalten, wäre sehr der Befassung wert. Auf den Todestag im Oktober folgt im Jänner der 110. Geburtstag, im 92er Jahr, das ein "Ferdinand-Ebner-Jahr" werden könnte. Unsere Zeit mit ihrem Orientierungsvakuum sucht nach neuen Wegen, auch in der Art der neuen "Gablitzer Schule für die Wissenschaft vom Menschen", mit der bereits eine avestische, ebenso wort-orientierte Weisheitsschule in Dehli Kontakt aufnahm. Den Originalartikel von Dr. Toman finden Sie im Link unter den zur Verfügung gestellten Originalunterlagen Link zur Universität Innsbruck: http://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/archiv/ebner.html |